
Wie jedes Jahr sind im August die neuen Auszubildenden in die Lehre gestartet. So auch bei den Stadtwerken Bonn, einem der größten Arbeitgeber der Bundesstadt. Das Besondere hier? Unter anderem die unternehmenseigene Ausbildungswerkstatt. Paul Becker, Ausbilder für gewerblich-technische Berufe, betreut dort seit neun Jahren die Azubis und erklärt die Vorteile der Einrichtung.
Was ist die Ausbildungswerkstatt?
Paul Becker: Die Ausbildungswerkstatt ist ein Raum, in dem sich Azubis ausschließlich aufs Lernen konzentrieren können, theoretisch wie praktisch. Wo Inhalte vermittelt werden, die im Ausbildungsrahmenplan stehen und die so in der Tiefe in den Fachbereichen nicht vermittelt werden oder vermittelt werden können. Denn außerhalb der Ausbildungswerkstatt ist man doch eher an das tägliche Geschäft gebunden. Hier in der Lehrwerkstatt können unsere Azubis die zu lernenden Tätigkeiten praktisch üben und verfestigen. Denn wenn hier was kaputt geht, ist das nicht so schlimm.
Welche Arbeiten können in der Ausbildungswerkstatt ausgeübt werden?
Paul Becker: Alle Tätigkeiten, die für die Ausbildungsberufe erforderlich sind. Und all das, was vermittelt werden muss, um zunächst die Prüfungen zu meistern und um später im Betrieb zu bestehen beziehungsweise seinen Job richtig ausführen zu können. Wir betreuen hier vor allem Azubis aus dem Metall- und Elektrobereich. Azubis im Metallbereich zum Beispiel lernen hier, wie gedreht, gefräst, gefeilt und gebohrt wird. Im Elektrobereich wird unter anderem der Aufbau einfacher Schaltungen geübt. Eine Mischung aus beiden Bereichen ist das Berufsbild des Mechatronikers. Daher lernen diese Azubis natürlich aus beiden Welten.
Seit wann gibt es die Werkstatt und wer hatte die Idee?
Paul Becker: Wer Ideengeber war, weiß ich nicht. Die Werkstatt ist vor meiner Zeit hier entstanden. Das muss etwa 1994 oder 1995 gewesen sein. Die Werkstatt gibt es jetzt also seit über 30 Jahren. Ich habe sie damals noch in meiner Tätigkeit als Meister und überbetrieblicher Ausbilder in einem anderen Unternehmen das erste Mal gesehen und besucht. Da war sie ganz neu und wurde aus dem Anlass dem Ausbilder-Arbeitskreis vorgestellt.
Warum hebt sich die Ausbildungswerkstatt von den Angeboten anderer Unternehmen ab?
Paul Becker: Ausbildung ist eine Investition, man zahlt viel Geld dafür. Kleine und mittelständische Unternehmen haben solche Ausbildungswerkstätten in der Regel nicht. Und größere Unternehmen in der Industrie verkleinern inzwischen ihre Ausbildungswerkstätten oder schließen sie sogar komplett. Und wenn das passiert, laufen die Azubis ausschließlich oder zumindest überwiegend im Betrieb mit, während der täglichen Tätigkeiten eben. Das ist natürlich im Sinne einer fundierten Ausbildung für die Azubis nicht so toll, denn im Alltagsgeschäft fallen auch viele Dinge unter den Tisch. Eine Ausbildungswerkstatt – so wie wir sie haben – erlaubt es den Ausbildern, sich komplett auf das Vermitteln von Inhalten zu fokussieren, während unsere Azubis sich ausschließlich aufs Lernen konzentrieren können. Hier machen wir nichts anderes, reine Ausbildung. Wir lehren Technik und Handwerk von Grund auf. Das ist für die Azubis Gold wert. Aus meiner Sicht ist eine Ausbildungswerkstatt also etwas, was sich ein Unternehmen leisten wollen muss. Und das wiederum zahlt sich aus, wenn man neue Azubis sucht. Denn so ein Angebot macht den Arbeitgeber selbstverständlich interessanter und attraktiver. Und wir sehen ja, dass es nicht mehr so leicht ist wie früher, interessierte und gute Azubis zu finden.
Wie viele Azubis können hier arbeiten und wie viele haben die Lehrwerkstatt insgesamt durchlaufen?
Paul Becker: In unserer Ausbildungswerkstatt finden bis zu 30 Azubis Platz. Im Schnitt bilden wir pro Jahr aber eher 20 gewerblich-technische Azubis aus. Das kann von Jahr zu Jahr auch schwanken, von bis zu fünf mehr oder weniger. Aber ausgehend von der Schnittmenge 20 würde ich schätzen, dass ungefähr 600 bis 700 Azubis über die letzten drei Jahrzehnte hier waren. (cp)