Dampfbahn 1892

1892 Dampfbahn - Dampfross schnaubt nach Mehlem

Ein Jahr nach der Jungfernfahrt der „Päädsbahn“ im April 1891 schart noch ein anderes Verkehrsmittel ungeduldig mit den Hufen: Ein Dampfross auf seinem Weg nach Godesberg.

Wie im Vertrag zwischen der Stadt Bonn und der Gesellschaft Havestadt, Contag & Co. im Jahr 1890 vereinbart, soll parallel zur innerstädtischen Pferdebahn eine überörtliche Dampfbahn den Verkehr Richtung Süden erschließen. Am 22. Mai 1892 startet die dampfbetriebene Trambahn erstmals in den Kurort Godesberg. Seit Mai 1893 schaukelt die Dampflok weiter bis nach Mehlem.

Zu Beginn pendeln täglich 16 Züge zwischen Bonn und Mehlem, an Sonn- und Feiertagen sogar im 30-Minuten-Takt. Eine Fahrt mit der dampfenden Lokomotivbahn nach Mehlem-Ort kostet 45 Pfennig für die 1. Klasse und 35 Pfennig für die 2. Klasse.

Viele Bonner nutzen das reizvolle Angebot, einmal kurz dem Alltag zu entfliehen, und lassen sich von der Dampfbahn über die Stadtgrenze hinaus ins Grüne chauffieren. Und auch der ein oder andere Skeptiker ist schnell von den Vorzügen des neuen Verkehrsmittels überzeugt. Dank der neuen Trambahn können Kulturliebhaber jetzt auch abends Konzerte und Theateraufführungen in Bonn oder Godesberg bis zur Verbeugung miterleben. Bislang mussten sie noch während der laufenden Vorstellung aufbrechen, um die letzte Eisenbahn nach Hause zu erwischen.

Einziger Wermutstropfen: Die Dampfbahn fährt zunächst nicht in die Bonner Innenstadt. Ihre Endhaltestelle liegt an der Einmündung des Reuterweges in die Coblenzer Straße, nahe der Endstation der Pferdebahn an der Villa Loeschigk. Die Fahrgäste können hier in die „Päädsbahn“ umsteigen und weiter in die City fahren. Das Problem: Die Pferdewagen bieten 20 Fahrgästen Platz, wohingegen das Dampfross immerhin bis zu 60 Personen kutschieren kann.

Gedränge auf dem überfüllten Bahnsteig, brechendvolle Wagen und damit verbunden längere Wartezeiten sind an der Tagesordnung.

Das Warten auf die nächste Pferdebahn bei Wind und Wetter sorgt schnell für Unmut unter den Fahrgästen, wie der General Anzeiger bereits zwei Tage nach der Eröffnung der Dampfbahn berichtet: „Alle Welt klagt über die Umsteigerei und den Aufenthalt vor der Villa Loeschigk. Wer da von Godesberg ganz gemütlich nach Bonn fährt, der hat gar kein Verständniß dafür, daß er […] auf einmal umsteigen und im Freien stehen muß, um auf eine Pferdebahn-Fahr-Gelegenheit zu warten.“ Diesem leidigen Zustand wird im Herbst 1897 Abhilfe geschaffen: Die Dampfbahn fährt weiter in die Stadt über die Kaiserstraße bis zur Königstraße.

In den schmalen Straßen der Innenstadt gilt für die Dampfbahn ein Tempolimit: Die Züge dürfen sich mit einer Höchstgeschwindigkeit von 8 Stundenkilometern durch die Gassen schlängeln; an manchen Ecken sogar „nur mit der Geschwindigkeit eines Fußgängers“, wie im Verwaltungsbericht der Jahre 1897/98 steht.

Auf freier Strecke braust die Dampflok dagegen mit 25 bis 30 Kilometern pro Stunde – und ist damit fast genauso flott unterwegs wie die heutigen Stadtbahnlinien. Die hochmodernen Stadtbahnwagen von SWB Bus und Bahn rollen mit einer Geschwindigkeit von etwa 31,2 Stundenkilometern über die Schienen. (Text: Tanja Kuhl, Foto: Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

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